Neuenhauser Abiturientia mit dem Motto “The Winner takes it all” auf Gewinnerspur

Am vergangenen Freitag konnte Fenni Voshaar, die Schulleiterin am Lise Meitner Gymnasium Neuenhaus, 66 ihrer Schützlinge mit einem Abiturzeugnis in die Arena des realen Lebens entlassen, weitere fünf erhielten ein Fachabitur. Mit 2,48 lag der Durchschnitt leicht unter dem der vergangenen Jahre, allerdings wurde wieder eine außerordentlich hohe Anzahl von 14 Abiturzeugnissen mit einer 1 vor dem Komma erreicht. Emma Dierkes erreichte eine 1,2, Johanna Veeltmann eine 1,1 und Abdullah Al Hadid die Traumnote 1,0. Frau Voshaar lobte Al Hadids Leistung auch als Ergebnis einer überaus erfolgreichen Integration, denn Al Hadid kam erst 2015 aus Syrien nach Deutschland und musste sich auch den Umgang mit der deutschen Sprache erst aneignen.

Mit Worten, die im Kontext der aktuellen WM des Öfteren Bezug auf den Fußball nahmen, lobte sie die Teamarbeit von Eltern, Lehrern und Schüler*innen, die erst einen gemeinsamen Erfolg möglich gemacht habe und verwies auf das breite Angebot von über den reinen Unterricht angebotenen Aktivitäten am LMG. Sie beglückwünschte die Abiturientia zu ihrer neugewonnen Freiheit, aber wies sie auch auf eine damit verbundene Eigenverantwortlichkeit hin. Das einem Popsong der schwedischen Popgruppe ABBA entlehnte Motto „The Winner takes it all“ wertete Frau Voshaar als optimistisch, siegessicher, aber auch etwas größenwahnsinnig.

Als Wegweiser für das ihnen bevorstehende Leben wartete Voshaar mit einigen Bonmots berühmter Persönlichkeiten auf, darunter Nietzsches „Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.“ und der Hinweis Lise Meitners, der Namenspatronin der Schule, dass ein wirklich lebenswertes Leben gar nicht unbedingt leicht sein müsse, sondern eher reich sein solle an sinnvollen Inhalten. Voshaar wies darauf hin, dass die Empfindung von purem Glück sich im Leben eines Erwachsenen auf wenige Momente, Stunden oder einzelne Tage beschränken könne. Sie regte aber dazu an, das Leben in möglichst vielen seiner Erscheinungsformen und mit allen Sinnen zu erfahren, sei es in der Musik, in der Literatur, im Kino, in der Oper, beim Kochen, beim Sport, bei Reisen, beim intensiven Erleben von Landschaften usw. Sehr erstrebenswert sei die anhaltende Pflege von alten Freundschaften bei gleichzeitigem Streben danach, neue Freunde zu gewinnen, auch die bleibende Heimatverbundenheit nach dem Aufbruch zu neuen Wohnorten und Lebenswelten. Überhaupt sei echte Erfüllung wichtiger als das ständige Erstreben von persönlichen Siegen. Lesen und eigenständiges Denken können dabei lebensverlängernde Übungen sein.

Der in diesem Jahr aus dem Amt scheidende Landrat Uwe Fietzek brachte seine Auffassung zum Ausdruck, dass sich alle  Schulabgänger*innen mit einem Abitur in der Tasche als Gewinner fühlen dürften. Mit einem Hinweis auf das tags zuvor gegen Ecuador verlorene WM-Spiel betonte er, dass Rückschläge im Leben dazugehörten, von denen man sich aber nicht entmutigen lassen solle. Im Hinblick auf seine eigene zu Ende gehende Berufstätigkeit machte er auf die bei ihm wie bei der Abiturientia wohl ähnliche Stimmungslage aufmerksam, die sowohl von Vorfreude wie auch von Unsicherheit geprägt sein mag, was den beginnenden neuen Lebensabschnitt betrifft. Schließlich mahnte er auch an, dass eine Demokratie immer wieder neue Leute brauche, die bereit seien mitzudenken, sich mit zu begeistern, mitzureden und mitzumachen.

Günter Meinderink als Vertreter der Eltern begann sein Grußwort mit authentischem Plattdeutsch und stellte zunächst klar, dass für ihn einst das Hochdeutsch an der Schule sozusagen die erste Fremdsprache gewesen sei. Auch er betonte, dass ein erfülltes Leben wichtiger sei als oberflächlicher Erfolg und machte Mut zu eigenen Entscheidungen.

Für die Schülerschaft richteten sich Anton Niemeyer und Elias Gülker an das Publikum; Sie wiesen darauf hin, dass sich ihre Schülergeneration bereits als digital natives empfinde, der das Schreiben mit Papier und Stift immer fremder sei. Sie gaben zu, dass sie oft vom eigentlichen Unterrichtsstoff abgelenkt worden seien und sich mehr auf den Ausbau Bauernhöfe konzentriert hätten als auf den aktuellen Schulstoff. Man hätte regelmäßig den Arbeitsaufwand auf ein notwendiges Minimum reduziert, was nicht zuletzt durch ein ständig verbessertes Chat GPT erleichtert worden sei. Ohne dieses Tool wären die Abiturnoten bestimmt nicht so gut ausgefallen. Gedankt wurde für die Durchführungen der Studienfahrten ins Ausland, die unvergessliche Erfahrungen bedeutet hätten.

Erneut kam mit Lübbertus Rehwinkel auch einer der Goldenen Abiturienten zu Wort, die vor 50 Jahren am LMG ihr Abitur abgelegt haben. Mit Bezügen zu Aussagen von namhaften Literaten wie Heinrich von Kleist und Truman Capote belegte er, wie unterschiedlich die Phase von Jugend und frühem Erwachsensein erlebt und empfunden werden kann. Er ermutigte die jungen Erwachsenen, dran zu bleiben.

Für die Lehrerschaft zitierte der Physiklehrer Uwe Lins aus Isaac Asimovs Kurzgeschichte „The Fun They Had“ aus dem Jahre 1954, eine erstaunlich aktuell wirkende dystopische Vision einer Schule mit einem digitalen, vollkommen automatisierten Lehrkörper. Er nahm dies als Warnung vor einer allzu großen Dominanz digitaler Unterrichtswerkzeuge und ermutigte Schüler*innen, im Angesicht perfektionierter digitaler Unterrichtstools, Selbstachtung zu bewahren, eigenständig kritisch zu denken und auf diese Weise gegen die KI das Heft in der Hand zu behalten. Ein echtes Highlight stellte die musikalische Gestaltung der Entlassfeier dar: Der Schulchor und das Ensemble der Brüder Kurumlian (Schlagzeug, Klavier, Geige, Akkordeon und Klarinette) sorgten u.a. mit ihren Interpretationen von The Carpenters „Top of the world“ und Abbas „The Winner takes ist all“ für begeisternden Applaus.

Marcus Pfeifer, 26.6.2026