Zu Besuch in Neuenhaus: Wie japanische Schüler den deutschen Unterricht erleben
Wie unterschiedlich Schule sein kann, erlebten kürzlich sechs Schülerinnen aus der japanischen Präfektur Tokushima hautnah in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim – und berichten davon.
Für ihren Austauschaufenthalt in Deutschland haben sechs Schülerinnen aus der japanischen Präfektur Tokushima gemeinsam mit ihrem Lehrer Osamu Ohashi, der anderthalb Jahre hier gelebt und unterrichtet hatte, den Unterricht an ihrer Partnerschule, dem Lise-Meitner-Gymnasium in Neuenhaus, besucht. Dabei stießen sie auf ein Schulsystem, das sich in vielen Punkten deutlich von ihrem eigenen unterscheidet.

In Japan spricht vor allem die Lehrkraft – nicht die Schüler
Im Gespräch erzählen die Schülerinnen Chigusa Hiraoka, Nagisa Nishimura, Hinana Komatsu, Miu Tamura, Chacha Mihira und Kaan Hayashi von den Unterschieden. Ein zentraler Unterschied zeigt sich bereits im Unterricht selbst: Während in Japan vor allem die Lehrkraft spricht und Inhalte vermittelt, ist der Unterricht in Deutschland deutlich mehr in Form eines Dialogs. Schüler beteiligen sich aktiv, stellen Fragen und diskutieren. „Das ist ganz neu für uns“, berichten die 16- und 17-Jährigen. Die Meinung, welches Unterrichtssystem ihnen besser gefällt, ist dabei sehr gespalten.
Der lockerere, freundschaftlichere Umgang in Deutschland gefällt
Auch die Rolle der Lehrkräfte wird unterschiedlich wahrgenommen. In Deutschland sei das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern oft offener, teilweise fast freundschaftlich. In Japan hingegen sei es deutlich formeller und distanzierter. Dort würden Schüler bis zum Schulabschluss stärker wie Kinder behandelt, während sie in Deutschland – insbesondere in der Oberstufe – mehr Eigenverantwortung übernehmen und eher als junge Erwachsene gelten. Das bestätigen auch Osamu Ohashi und seine Kollegin Harumi Sasamuna. Gerade die Schülerinnen äußern, dass ihnen der lockerere, freundschaftlichere Umgang hier besser gefällt und sie auch gut fänden, mehr wie Erwachsene behandelt zu werden.

Foto: Osamu Ohashi
Das zeigt sich auch am Schulweg. Während hier gerade in den ländlichen Regionen die Schüler mit dem Auto zur Schule fahren, sobald sie einen Führerschein haben und volljährig sind, ist dies den japanischen Schülern durch die Schulen verboten. Zum einen, weil die Lehrer dies als zu gefährlich erachten, zum anderen, weil es nur wenige Parkplätze gibt. Auch einen Schulbus oder Ähnliches gibt es dort nicht.
In Japan haben die Schüler kaum Wahlmöglichkeiten
Ein weiterer großer Unterschied liegt im Aufbau des Schulsystems. In Deutschland haben Schüler, vor allem in der Oberstufe, die Möglichkeit, Fächer und Schwerpunkte individuell zu wählen. In Japan hingegen ist der Stundenplan weitgehend vorgegeben, Wahlmöglichkeiten gibt es kaum. Auch das Sprachenangebot unterscheidet sich deutlich: Während in Deutschland mehrere Fremdsprachen zur Auswahl stehen, beschränkt sich das Sprachenangebot in Japan meist auf Japanisch und Englisch.
Schuluniform ist in der Ferne verpflichtend – Make-up ist tabu
Besonders sichtbar werden die Unterschiede im Alltag. In Japan tragen Schüler eine verpflichtende Schuluniform. Schmuck, Make-up oder gefärbte Haare sind nicht erlaubt, selbst Frisuren sind reglementiert. In Deutschland hingegen gibt es kaum Vorschriften – die Jugendlichen können selbst entscheiden, wie sie zur Schule kommen. Das merkten die sechs Japanerinnen besonders während ihres Aufenthaltes, denn der fiel zeitgleich mit der Mottowoche der Oberstufe zusammen, der letzten Unterrichtswoche der angehenden Abiturienten vor ihren Prüfungen, in der sie jeden Tag anders verkleidet zur Schule kommen. Das kannten die sechs Schülerinnen aus Japan nicht aus ihrer Heimat.
In Japan putzen die Schüler ihre Klassenräume
Für Überraschung sorgt auch ein typisch japanisches Element, das in Deutschland fehlt: die tägliche „Putzzeit“. Dabei reinigen die Schüler ihre Klassenräume selbst und übernehmen Verantwortung für ihre Schule. Hierzulande übernehmen das Reinigungskräfte.
Auch organisatorisch gibt es Unterschiede: In Japan sind die Klassen mit rund 40 Schülern größer als in Deutschland, wo meist etwa 25 bis 30 Jugendliche gemeinsam lernen. Zudem unterrichten Schulleitungen in Deutschland oft selbst noch einige Stunden, in Japan ist das eher unüblich.
Autorin: Julia Henkenborg
Quelle: https://www.noz.de/lokales/grafschaft-bentheim/artikel/was-deutsche-und-japanische-schulen-unterscheidet-und-verbindet-50479543














